Vom Kollegennetzwerk zum Wissenschaftsraum: Die Origin Story

Was als spontaner Gesprächsmoment auf einem Workshop begann, ist heute ein vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung geförderter Forschungsverbund mit sieben niedersächsischen Universitäten und fast 5.000 Panelteilnehmenden. Wie aus drei Professoren an drei Standorten ein ganzer Wissenschaftsraum wurde – und warum eine Wanderung im Harz dabei eine größere Rolle spielte als jedes Strategiepapier – erzählen Mario Mechtel (Leuphana Universität Lüneburg), Fabian Paetzel (TU Clausthal) und Gerald Eisenkopf (Universität Vechta) im Interview.


Interviewer: Drei Professoren, drei Standorte, ein gemeinsames Projekt – und inzwischen ein Wissenschaftsraum für ganz Niedersachsen. Wie beginnt so etwas? Mit Strategiepapier? Oder… mit einem Workshop?

Fabian Paetzel: Eher mit einem Workshop – und ehrlicherweise auch mit einem gewissen „Wir verstehen uns auf Anhieb“-Moment. Mario habe ich auf einem Workshop am IfW Kiel kennengelernt. Wir haben schnell gemerkt: ähnliche Themen, ähnliche Methoden – und vor allem ein gemeinsames Interesse an Social Identity. Und dann lädt Mario mich nach Lüneburg ein – und dort taucht plötzlich ein anderer unfassbar gut gelaunter und lauter Typ auf: Gerald.

Gerald Eisenkopf: Ich nehme „laut“ als Kompliment. Mario kenne ich übrigens schon seit meiner Konstanzer Zeit – wir haben sogar mal gemeinsam Daten erhoben. Aus den Resultaten ist leider nichts geworden… aber die Freundschaft war robust genug, das zu verkraften.

Mario Mechtel: Und dann lief es so, wie Fabian es beschreibt: Erst Konferenzen, dann gegenseitige Einladungen in Forschungsseminare – und irgendwann wird aus „Man sollte mal…“ ein gemeinsames Paper. Als Fabian den Ruf nach Clausthal hatte, war uns klar: Wir haben hier drei Arbeitsgruppen an drei niedersächsischen Unis, die zu sehr ähnlichen Fragen forschen. Das schreit förmlich nach stärkerer Vernetzung.


Interviewer: Wie sah diese frühe Zusammenarbeit konkret aus?

FP: Klassisch Wissenschaft: Austausch auf Konferenzen – und lange Gespräche bis tief in die Nacht. Mario und ich haben dann ein gemeinsames Paper angefangen. Und ich habe Mario und Gerald irgendwann zu einem Workshop in den Harz eingeladen. Seitdem kooperieren wir eng: Paper, Anträge, Doktorandenbetreuung, das ganze Programm.

GE: Mit Fabians Ruf nach Clausthal wurde es konkreter – weil uns klar wurde, dass wir uns nicht nur bei Forschungsthemen helfen können, sondern auch strukturiert bei der Betreuung von Promovierenden und Postdocs.

MM: Das ist ein wichtiger Punkt: Wir haben gesehen, wie viel man gewinnt, wenn man nicht „nebeneinander“ arbeitet, sondern wirklich gemeinsam denkt – und gemeinsame Formate baut.


Interviewer: Was war das ursprüngliche Problem, das ihr lösen wolltet?

GE: Das Grundproblem war – und ist – doch: In Niedersachsen sitzen überall Verhaltensökonominnen und -ökonomen, die vor sich hin arbeiten. Dabei würden wir alle durch Austausch massiv profitieren. Besonders die Promovierenden und Postdocs.

FP: Bei Mario und mir war es am Anfang auch ganz simpel: Austausch zu aktueller Forschung zu Social Identity – und gleichzeitig die Idee, die Unis aus der Region stärker zu vernetzen.

MM: Und daraus wurde dann ein größerer Anspruch: nicht nur „Kooperation“, sondern eine Struktur, die Forschung, Lehre und Transfer zusammenbringt – über Standorte hinweg. Genau das ist heute der Kern des Wissenschaftsraums.


Interviewer: Gab es den Moment, in dem ihr wusstet: Das wird mehr als lose Zusammenarbeit?

FP: Wenn man so viel Freude gemeinsam hat, will man die Zusammenkünfte verstetigen. Die Idee für ein Graduiertenkolleg kam uns bei einer gemeinsamen Wanderung im Harz.

MM: Stimmt. Bei Fabians erstem Workshop in Clausthal sind wir nachmittags durch den Harz gewandert. Da entstand die Idee, in der Promovierendenausbildung strukturierter zusammenzuarbeiten. Und dann siehst du beim nächsten Workshop: Es funktioniert. Promovierende profitieren immens und sind begeistert – das motiviert für die nächsten Schritte.

GE: Die Workshops in Clausthal und Lüneburg sind bis heute ein perfekter Rahmen: sehr gute Organisation, lauter angenehme Menschen, echtes Interesse an Forschung – und Sinn für Humor. Das ist nicht selbstverständlich.


Interviewer: Klingt sehr harmonisch. Lief immer alles rund?

FP: Tatsächlich sprechen wir eine Sprache und brauchen nicht viele Worte. Ich kann mich an keine Uneinigkeit erinnern. Vermutlich, weil wir uns gegenseitig extrem respektieren – und weil es keine Alleingänge gibt.

GE: Ich finde es gerade angenehm, dass wir bei unterschiedlichen Perspektiven ein Thema gut durchdiskutieren – und dabei die Strategiespielchen der Unipolitik außen vorlassen. Respekt und Vertrauen sind zentral. Und im Zweifelsfall… schieben wir die Arbeit nach Lüneburg ab.

MM: Etwas nerdig-technisch ausgedrückt: Wir scoren vermutlich beim Persönlichkeitsmerkmal „Verträglichkeit“ relativ hoch. Wenn man sich lange kennt, hat man abends auf Tagungen eben nicht nur über Methoden gesprochen, sondern auch über das Leben. Und wir saßen natürlich alle mal im selben Boot – Stichwort unsichere Karrierewege. Das schweißt zusammen.


Interviewer: Wann wurde aus „Kooperation“ die Vision für den heutigen Wissenschaftsraum?

FP: Wir sprachen über eine Zusammenschaltung der Labore – und dann sagte Gerald auf einmal: „Niedersachsenpanel“… und damit stand die Idee.

GE: Wir hatten solche Gedanken schon bei der Gründung des Promotionskollegs – aber das war erst mal Tagträumerei. Die Ausschreibung für die Wissenschaftsräume war dann ein Glücksfall. Und wir hatten mit unserer bisherigen Kooperation schon eine Keimzelle – das war ein Wettbewerbsvorteil.

MM: Wir hatten schnell die Unterstützung des Lüneburger Präsidiums und konnten auf Vorarbeiten der ersten Jahre aufbauen. Dadurch wirkten die Pläne nicht nur für uns, sondern auch für Außenstehende realistisch.


Interviewer: Wie kamen die weiteren Partner dazu?

FP: Ich war zuständig, die Leute anzusprechen. Also habe ich in Hannover, Göttingen, Oldenburg angerufen, Gerald in Osnabrück, Mario beim Fraunhofer-Institut – und dann stand die Laube. Unsere Idee war so cool, dass alle sofort zugesagt haben.

MM: Wir hatten punktuell schon vorher Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen an anderen Unis; einige waren bereits Gäste bei unseren Workshops. Diese Kontakte haben wir schnell aktiviert und innerhalb kurzer Zeit den Antrag geschrieben.

Heute ist der Wissenschaftsraum eine Kooperation von sieben niedersächsischen Universitäten – TU Clausthal, Universität Göttingen, Leibniz Universität Hannover, Leuphana Universität Lüneburg, Universität Oldenburg, Universität Osnabrück und Universität Vechta – sowie dem Fraunhofer FIT.


Interviewer: Warum war das Niedersachsenpanel so ein Gamechanger?

GE: Mit reinen Laborprojekten punkten wir nicht – und an kleineren Standorten ist es schwer, genügend Teilnehmende zu gewinnen. Gleichzeitig wollten wir das Transformationsthema ernst nehmen und etwas aufbauen, das Feldexperimente, Surveys und Repräsentativität in Niedersachsen möglich macht.

MM: In Lüneburg gab es vorher schon die Idee eines Probandenpools aus der breiten Bevölkerung. Allein hätten wir das nie geschafft. Aus dem Wissenschaftsraum-Antrag ergab sich dann fast zwangsläufig: Wir bauen das für das ganze Bundesland.

FP: Und ich bleibe dabei: Gerald hat das irgendwann einfach „reingebölkt“ – „Niedersachsenpanel!“ – und dann war der Name gesetzt.


Interviewer: Was können Teilnehmende erwarten – und was ist euch besonders wichtig?

MM: Das Panel lädt regelmäßig zu Online-Umfragen und Experimenten ein, die Teilnahme ist freiwillig und wird vergütet. Und wir können Veränderungen über die Zeit messen – genau das macht ein Panel so wertvoll.

GE: Für uns ist entscheidend: Vertrauen. Deshalb gibt es eine Ethikprüfung: Jede Studie wird geprüft und nur genehmigt, wenn sie die Standards erfüllt – Freiwilligkeit, keine Belastung, vertrauliche Daten, wissenschaftliche Nutzung.

FP: Und ganz praktisch: Das Panel bringt uns als Standorte zusammen. Wenn wir Transformationsfragen untersuchen wollen – Klima, Migration, Digitalisierung – dann brauchen wir Daten, die die Vielfalt in Niedersachsen abbilden.

Interviewer: Wenn ihr in fünf Jahren zurückblickt – was wäre euer Wunschbild?

GE: Dass man sagt: Die haben nicht nur gut publiziert, sondern eine Infrastruktur geschaffen, die bleibt. Und dass wir Nachwuchs strukturiert fördern – fachlich und menschlich.

FP: Dass wir als Netzwerk sichtbar sind: Top-Forschung, aber ohne Ellbogen. Und dass man merkt: Wir haben Spaß an dem, was wir tun – ohne die wissenschaftliche Strenge zu verlieren.

MM: Und dass Politik und Gesellschaft stärker evidenzbasiert entscheiden können – weil wir besser verstanden haben, wie Menschen in Transformationsprozessen tatsächlich handeln. Dafür ist der Wissenschaftsraum da – und das Niedersachsenpanel ist ein zentraler Baustein.


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